Finanzmarktaufsicht Briefing

Das Kryptoinventar ist fällig, bevor es den Quantencomputer gibt

Die FINMA-Aufsichtsmitteilung 05/2026 vom 9. Juli 2026 schafft keine neue Pflicht, sondern liest die bestehende Vertraulichkeitspflicht für kritische Daten (Rn. 64/72–76 FINMA-RS 2023/1) in die Quantenzukunft weiter. Wer Daten hält, deren Geheimhaltung über 2033 hinaus reichen muss, erleidet den «harvest now, decrypt later»-Schaden heute. Fällig sind darum jetzt das Kryptoinventar und eine vom Oberleitungsorgan genehmigte Migrations-Roadmap (Rn. 24), die FINMA empfiehlt dafür spätestens Mitte 2027.

Dr. iur. Servatius von Tatzenberg

Am 9. Juli 2026 hat die FINMA die Aufsichtsmitteilung 05/2026 zum Quantencomputing veröffentlicht. Sie führt keine neue Pflicht ein. Sie liest eine bestehende weiter: Rn. 7 des FINMA-Rundschreibens 2023/1 «Operationelle Risiken und Resilienz – Banken» definiert «kritische Daten» unter anderem über deren Vertraulichkeit; die Schutzpflicht selbst steht in Rn. 64 und Rn. 72–76 und verlangt seit dem 1. Januar 2024 Massnahmen «insbesondere im Hinblick auf die Vertraulichkeit» kritischer Daten. Diese Pflicht schützt auch gegen einen Angreifer, der heute erntet und erst später entschlüsselt. Für Banken, Versicherungsunternehmen, Verwalter von Kollektivvermögen und Finanzmarktinfrastrukturen heisst das: Das Kryptoinventar ist heute fällig, nicht erst mit dem ersten leistungsfähigen Quantencomputer.

Der Mechanismus heisst «harvest now, decrypt later». Ein Angreifer kopiert heute verschlüsselte Datenbestände und wartet, bis eine Maschine die heute übliche Public-Key-Verschlüsselung (RSA, elliptische Kurven) bricht. Für kurzlebige Daten ist das folgenlos. Für Daten mit langer Geheimhaltungsdauer (Kundendossiers, kryptografische Schlüssel, Gesundheits- und Gendaten, langlaufende Verträge) ist der Schaden im Moment der Ernte angerichtet, nicht bei der Entschlüsselung. Die Rechtsverletzung liegt damit in der Gegenwart, unter einer Verschlüsselung, die Sie heute selbst betreiben.

Was die FINMA empfiehlt, steht der Sache nach schon im Rundschreiben. Rn. 24 verlangt, dass das Oberleitungsorgan die Strategien für Cyber-Risiken und kritische Daten genehmigt und überwacht — die Post-Quantum-Roadmap ist eine solche Strategie und damit Sache des Gremiums, nicht der IT-Abteilung. Rn. 53 verlangt ein Inventar der IKT-Komponenten samt Ablageorten kritischer Daten; das kryptografische Inventar ist dessen fehlendes Kapitel. Die Aufsichtsmitteilung selbst nennt dazu die institutsspezifische Risikoanalyse, die Krypto-Agilität, den Einbezug der Auslagerungspartner und, für die Übergangszeit, den Einsatz hybrider klassisch-post-quantum Verfahren. Sie empfiehlt eine Roadmap bis spätestens Mitte 2027 — eine Rundschreiben-Frist ist das nicht, aber die laufende Aufsicht wird sie wie eine behandeln.

Der verbreitete Einwand lautet: Es gibt noch keinen kryptografisch relevanten Quantencomputer, also bleibt Zeit. Die FINMA-Umfrage unter 60 Instituten scheint das zu stützen — zwei Drittel erwarten, dass ein Rechner RSA-2048 erst binnen zehn Jahren in 24 Stunden bricht, 72 Prozent haben bisher keine Massnahme geplant, nur 8 Prozent eine konkrete Roadmap. Diese 8 Prozent planen für die Migration selbst vier bis fünf Jahre ein. Die Rechnung stimmt trotzdem nicht: Massgeblich ist nicht das Ankunftsdatum der Maschine, sondern der Moment, ab dem sie zur Bedrohung wird — und den setzt dieselbe Umfrage auf sieben Jahre, rechnerisch 2033. Für alles, was länger vertraulich bleiben muss, läuft die Frist schon jetzt.

Am Montag beginnt darum die Inventur: Sie muss zeigen, wo RSA und elliptische Kurven Daten schützen, deren Geheimhaltung die Lebensdauer der heutigen Verschlüsselung übersteigt. Diese Liste gehört auf die Traktandenliste des Oberleitungsorgans, nicht in den Rückstand des CISO. Wann die Maschine kommt, bleibt offen — die Schätzungen reichen von 2028, das der Swiss Financial Innovation Desk des Bundes schon im März 2025 nannte, bis zu den zehn Jahren der FINMA-Umfrage. Über Ihre aufsichtsrechtliche Exposition entscheidet aber nicht die Maschine, sondern die nächste Prüfung: Die FINMA nimmt das Thema verstärkt in die laufende Aufsichtstätigkeit auf, und die Roadmap bis Mitte 2027 ist das, wonach die Prüfgesellschaft als Erstes fragen wird.

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